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INTERVIEW: SAMU HABER VON SUNRISE AVENUE

Mit ihrem neuen Album “Unholy Ground” stieg die finnische Pop-Rock-Band Sunrise Avenue in die deutschen Chartplätze direkt auf Platz 3 ein. Wir haben mit Frontmann Samu Haber über die Schattenseiten des Erfolgs und Dinge, die ihn zum Weinen bringen gesprochen – und lassen uns vom Experten Musik-Tipps geben!

„Unholy Ground“ ist der Name eures aktuellen Albums, und der eines der Songs natürlich. Was ist so unheilig an diesem Album?

Normalerweise kommen die Album-Titel einfach so in unseren Kopf, inspiriert von einem der Songs. Ich wollte diesmal aber einen Titel finden, der unseren neuen Style beschreibt, der ein bisschen mehr in die Rock-Richtung geht – Unholy Ground passt da perfekt. Die Landschaften, die wir sehen, wenn wir als Rockband zusammen reisen, sind immer ein bisschen unheilig… Rock’N’Roll und lange Nächte.

Euer neues Album ist das erfolgreichste eurer 12 Jahre alten Bandgeschichte und hat sich mehr als 200.000 mal, allein in Deutschland, verkauft und enterte die Charts auf Platz 3. Was meinst du, ist der Grund, warum das Album erfolgreicher ist, als eure anderen sehr groß gewordenen Alben? War das Timing einfach richtig?

Da sind mehrere Sachen, die zum Erfolg beitragen: Die Songs und die Produktion natürlich, aber auch das Timing, die Single-Auswahl… Und ich denke mal, das The Voice Of Germany dem Album ebenfalls einen großen Anstoß gegeben hat, wenn man bedenkt, wie hoch wir in die Charts eingestiegen sind.

Ja, du hast mit deiner Funktion als The-Voice-Juror sicherlich dazu beigetragen, dass eure deutsche Fanbase gewachsen ist…

Es ist klar, dass so eine TV Show hilft, Alben und Konzerttickets zu verkaufen. Deshalb war ich auf diesem roten The-Voice-Stuhl doppelt nervös. Ich hab mir ständig gedacht, wenn ich das hier vermassele, dann war die Arbeit vieler Jahre umsonst und Sunrise läuft gleich mit mir zusammen den Bach runter. Zum Glück kam’s anders.

Hat sich dein Leben, und das deiner Band, seitdem verändert?

Ich  persönlich kann mich nicht mehr so einfach irgendwo in der Öffentlichkeit aufhalten, zumindest nicht im zentralen Europa, teils nicht nicht mal in fernöstlichen Urlaubszielen. Klar, es gab immer viele Foto- und Autogramm-Anfragen, aber nach The Voice ist alles etwas intensiver geworden. Die Leute haben mich auf einmal jeden Donnerstag im Wohnzimmer gehabt und haben dann das Gefühl, dass sie mich ein bisschen kennen – und dann kommen sie mir manchmal auch viel zu nahe. Ich verstehe auch nicht, wie egoistisch Leute manchmal heimlich Fotos von dir und deiner ganzen, halbnackten Familie im Urlaub machen – aber gut, das geht mit dem Ruhm einher. Da scheint es oft keine Limits zu geben, und ich mag das natürlich nicht immer. Klar, kann man sich auch zurückziehen. Was mich allerdings wirklich krank macht, sind Drohungen und teils gewalttätige Übergriffe auf die Freundinnen der Bandmitglieder.

Neben dem Pop-Rock-Style, für den ihr bekannt seid, sind auf eurem aktuellen Album auch vermehrte Country-Einflüsse. Wie kommt’s? Etwa auch durch die The Voice Kollegen von The Boss Hoss? Achja, und du selbst hast auch auffällig viel vom Country in Nashville gesprochen… Was ist die Verbindung?

Ich war schon immer ein großer Country Fan. Das Genre „Country Music“ hat einen sehr schlechten Ruf in Deutschland, wahrscheinlich weil viele Leute es mit dem Musikanten-Stadl-Zeug verwechseln. Echter Country, sogar der Pop-Mainstream-Country, ist super cool. Ich bin ein großer Fan von Keith Urban, Brad Paisley, Dixie Chicks & Wreckers… Ihr solltet euch diese mal anhören!

Sunrise-Avenue,-Berlin,-14.08.2013__DSC0131-kleinEs ist gar nicht so leicht, euch einem bestimmten Genre oder Stil zuzuordnen, da eure Musik so unterschiedlich und immer mit neuen Einflüssen versehen ist. Auch ihr wollt nicht wirklich kategorisiert werden und euch nicht mit einer bestimmten Stilistik limitieren. Wie wichtig ist Freiheit für euch und eure Musik?

Es ist alles. Ich finde, es ist sehr langweilig, wenn man in der Musik, oder in jeder Kunst, ständig irgendwelchen Regeln folgen müsste. Das einzig Richtige für mich ist, wenn ich meinem Herzen folge und spiele und singe, wie und wonach ich mich fühle. Deshalb habe ich unser voriges Album auch „Out Of Style“ genannt. Wir hatten nie und wir werden niemals ein bestimmtes Genre oder einen bestimmten Style haben.

Bei eurem Song „Lifesaver“ habt ihr darüber nachgedacht, wie sich ein Lied wohl anhören würde, wenn zwei fette, haarige Typen das Sieges-Tor ihres Fußballclubs feiern würden. Ganz schön merkwürdig, aber ganz schön lustig. Kann euch alles in der Welt zu einem Songthema oder einem bestimmten Stil inspirieren?

Normalerweise kommen die besten Teile einer Inspiration von den merkwürdigsten Momenten. Wenn du dich verliebst oder jemand dir das Herz bricht – das ist das Gängigste. Aber manchmal kommen auch so komische Sachen wie bei „Lifesaver“. Inspiration ist wie Liebe. Wenn du sie nicht hast, denkst du, sie würde dich glücklich und ausgeglichener machen. Aber wenn es dich trifft, hüpfst du wie ein Pony auf einer Frühlingswiese, benimmst dich wie ein Idiot und liebst jeden um dich herum. Man muss nur seine Augen, Ohren und sein Herz offen halten – und bereit sein.

Wie sehr brauchst du „Real-Life“-Inspirationen?

Wie gesagt, die besten Songs und Stories kommen von den realen Dingen um dich herum. Ich habe schon Songs über meine kleine Nichte geschrieben, die mir erzählt, sie wird eines Tages Prinzessin sein („Dream Like A Child“) und ebenso über das Bedürfnis nach Schönheits-OP’s, worüber ich zwei Mädchen sich unterhalten hörte (Sex And Cigarettes). Manche dieser Geschichten sind super komisch, es macht mich etwas müde, nur über romantische Liebe zu philosophieren. Einer der Songs, der mich am meisten berührt hat, ist „Sweet Symphony“ aus unserem letzten Album. Eine Freundin wollte in einer schwierigen Situation einen Rat von mir, und das Einzige was ich sagen konnte war: „Ich bin da für dich, egal für was du dich entscheidest.“ Es ist für immer ihr Song. Einer meiner Favoriten auf alle Zeit und manchmal muss ich immer noch heulen, wenn ihn höre. Wahrscheinlich weil ich den Moment noch so gut erinnere…

Anstatt dass ihr eure Alben in exklusiven Studios in den USA oder sonst wo aufnehmt, geht ihr lieber in die Wildnis Finnlands. Wie wichtig ist euch eure Heimat, braucht ihr auch einen kleinen Rückzug vom realen Leben? Wie wichtig ist die Heimat?

Das Ding ist, wenn du in diese super coolen Studios in irgendwelche Metropolen fährst, verläuft sich der Fokus auf Clubs, Restaurants oder andere schöne Sachen, die man in einer tollen Stadt machen kann. Wenn du dein Hinterteil in den Wald bewegst, ist Musik alles was du hast. Ich liebe zum Beispiel das Petrax Farm Studio inmitten der Seen in Finnland. Fürs Songwriting gehe ich auch gerne mal ganz alleine irgendwohin, Hauptsache weit weg, wo ich alleine mit meinen Gedanken bin, mein Zuhause vermisse aber neue Songwriting-Partner und Studio-Leute in einer fremden Umgebung kennenlerne. Alles fühlt sich frisch an. Meine Heimat ist alles für mich, je mehr ich reise, desto mehr freue ich mich auf mein eigenes Bett und Sofa. Und ich liebe Finnland. Das Land hat mir ein wunderbares Leben geschenkt und ich schätze mich sehr glücklich, in einem der tollsten Länder der Welt geboren zu sein!

Würdest du sagen, ihr seid euch künstlerisch immer noch am Entwickeln? Was sind die Unterschiede von „Unholy Ground“ und eurem letzten Album „Out Of Style?“

Ein Künstler, der sich nicht mehr entwickelt, ist ein Ex-Künstler. Man muss immer nach neuen Einflüssen und Stilen suchen, damit man frisch bleibt. Ich oder wir haben keinen Plan für solche Dinge, sie passieren einfach und wir folgen den Gefühlen. Das ist, was Künstler machen. Natürlich sagt uns die Musik-Industrie, was die besten Trends sind oder gibt uns Einsichten, was die Verkäufer besser oder größer machen würde, aber als Künstler schwimmst du mit deinem eigenen Fluss.

Habt ihr einen Song auf dem neuen Album, zu dem jeder von euch eine besondere Beziehung hat, den Lieblings-Song von Sunrise Avenue?

Das ist immer die schwierigste Frage von allen. Klar sind alle Songs unsere Babies. Wenn wir uns nach Party fühlen, hören wir die Up-Tempo-Lieder. Aber da ist auch die melancholische Seite in uns allen. Ich denke „Hurtsville“ beschreibt die Momente unterwegs ziemlich gut. Du bist glücklich und dankbar, dass du die Möglichkeit hast, solche Trips zu machen und genießt die Nächte mit den Massen, aber gleichzeitig ist da ein kleines Stück in deinem Herzen, was schmerzt, weil du dein Zuhause und die Leute, die dort auf dich warten, vermisst. Deshalb „Hurtsville“. Als ich den Song geschrieben habe, habe ich mich nach einer Show auf der obersten Lounge in unserem Tourbus gesehen, auf dem Weg in die nächste Stadt. Wenn du da alleine sitzt, ist es einer der schönsten Momente, die es gibt. Du hast gerade mit 10.000 Leuten gefeiert und jetzt hast du niemanden, den du umarmen kannst.

Interview: Deborah Landshut

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