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INTERVIEW: SANTIGOLD – QUO VADIS, POPKULTUR?

Sie ist Guerilla-Pop-Aktivistin, Feministin, Stilikone und neuerdings auch Mutter: Seit sie 2008 mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum die gesamte Musikwelt komplett auf den Kopf gestellt hat, zählt die Sängerin Santi White alias Santigold zum Aufregendsten und zum Eigensinnigsten, was der amerikanische Overground während der letzten zwei Dekaden hervorgebracht hat. Mit „99 Cents“ erscheint Ende Februar ein neues Werk der schlagfertigen Wahl-New Yorkerin. Ein Gespräch über künstlerische Abhängigkeit, körpereigene Glücksdrogen und Beavis & Butthead.

TEASER Magazine: Dein aktuelles Album trägt den augenzwinkernden Titel „99 Cents“ – ein absolutes Schnäppchen!

Santigold: Der Name ist mir im Bett eingefallen. Ich habe die besten Ideen, wenn ich morgens nach dem Aufwachen noch ein bisschen liegen bleiben kann. Ich stolperte in einem Magazin über einen Artikel, der sich mit den schlimmen Arbeitsbedingungen in Kleidungsfabriken beschäftigt und wie billig Rohstoffe heute verramscht werden. Es geht auf dem Album um unsere Konsumkultur, in der alles und jeder auf seine Weise käuflich ist. Alles verkommt zu einem Produkt.

Du bist spätestens seit deinem letzten Album „Master Of My Make-Believe“ als Künstlerin bekannt, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Das hat sich auch auf dem neuen Werk nicht geändert.

Das wird sich nie ändern. Ich gebe meine Erfahrungen wieder, die ich als Musikerin gemacht habe, die von ihrer Kunst lebt. Heute ist das geschäftliche Drumherum fast genauso wichtig, wie die Kunst selbst. Heute kann nur der überleben, der den Spagat zwischen kreativer Aufrichtigkeit und der kommerziellen Seite beherrscht.

Wo hört die Kreativität auf und wo fängt der künstlerische Ausverkauf an?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich beschreibe auf dem Album die Absurdität, die darin liegt. Eine absurde Realität, die wir uns selbst erschaffen haben. Es ist eine verrückte Zeiterscheinung; als unabhängige Künstlerin bin ich gezwungen, dieses Spiel mitzuspielen. Wenn man nicht mitspielt, hat man verloren. Es ist eine Frage der Balance: Wie weit kann ich gehen, ohne meine Seele zu verkaufen? Ich treibe diese Fragestellung mit meinem neuen Album auf die Spitze.

Auf dem Cover von „99 Cents“ bist du als vakuumverpackte „Actionfigur“ mit jeder Menge „Zubehör“ zu sehen. War es unter dieser engen Plastikfolie nicht fast unmöglich, zu atmen?

Das Shooting war ein großes Abenteuer, das mir extrem viel Spaß gemacht hat! Ich habe mit einem exzellenten Fotografen zusammen gearbeitet – Haruhiko Kawaguchi. Er hat immer nur ein einziges Foto gemacht, während ich die Luft angehalten habe. Er zählte die Sekunden von zehn runter, so dass ich immer genau wusste, wann ich wieder atmen durfte.

Santigold2Ist das Artwork auch als Hommage an Popart-Ikone Andy Warhol und seine berühmten Suppendosen zu verstehen? Der erste Künstler, der ganz gewöhnliche Alltagsprodukte zur Kunst erhoben hat.

Absolut! Ich habe schon immer Elemente der Popkultur in meinen Songs zitiert. Genau darum geht es im Grunde. Um einen Kommentar zum Zeitgeschehen. Eine Standortbestimmung, wo wir innerhalb der Popkultur angelangt sind. Ich zeige alle Facetten auf: Die verrückten, lustigen Seiten ebenso, wie die absurden, dunklen Effekte. Und ich biete ein Stück meines Lebens für nur 99 Cent zum Kauf an (lacht).

Im Vergleich zum eher dunklen Vorgängeralbum präsentierst du dich heute etwas sonniger – ein Umstand, auf den auch dein eineinhalbjähriger Sohn Radek großen Einfluss hatte!

Auf gewisse Weise hat die Geburt meines Sohnes sicherlich mit der Stimmung des Albums zu tun. Mein Baby ist einfach meine größte Energiequelle; meine ganz legale kleine Glücksdroge. Zusätzlich habe ich mich ganz bewusst dazu entschieden, ein leichteres Album zu machen, an dem ich selbst Spaß habe. Üblicherweise sind Plattenaufnahmen für mich eine sehr anstrengende und kräftezehrende Sache. Diesmal wollte ich verschiedene Dinge ausprobieren und einfach Spaß haben.

Du hast mit den Aufnahmen begonnen, als du schon schwanger warst.

In der Frühphase sind wir alles sehr entspannt und ohne großen Druck angegangen. Zeitweise habe ich im Studio eines befreundeten Produzenten in New York aufgenommen. Er hat es mir extra gemütlich eingerichtet mit einer dicken Matratze, auf der ich beim Einsingen lag. Und mit ganz viel Schokolade! Nach der Geburt meines Sohnes wurde dann der Rest in L.A. eingespielt.

Wie haben sich deine Einstellungen seit der Geburt verändert?

Ich habe gelernt, mit maximaler Effizienz zu arbeiten. Als werktätiges Elternteil muss man fokussiert sein; man verschwendet keine Zeit mit Nebensächlichkeiten, sondern muss sich aufs Wesentliche konzentrieren. Darin unterscheide ich mich als Künstlerin kein bisschen von anderen Müttern, die jeden Tag zur Arbeit gehen. Auf dem neuen Album gibt es den Song „Big Boss Big Time Business“, der von den Mühen einer kreativschaffenden Mom erzählt.

Neben deiner Musik hast du kürzlich für Smashbox eine eigene Make-Up-Linie kreiert, deine eigene Socken-Kollektion designt und warst im TV bei „The Office“ und der Comedy-Serie „NTSF:SD:SUV::“ zu sehen. Die nötige Abwechslung vom Musikerdasein?

Nach der Tour zum letzten Album brauchte ich eine kleine Auszeit, in der ich meine Kreativität abseits der Musik nutzen wollte. Es waren sehr schöne Erfahrungen, die wiederum enorm dazu beigetragen haben, die aktuelle Platte zu inspirieren.

Als Musikerin machst du alles selbst: Vom Albumartwork über die Regie bei den Videoclips, bis hin zur Bühnenchoreographie und dem Design sämtlicher Outfits. Controlfreak?

Vielleicht! Ich liebe es, mich in alle Richtungen zu entfalten. Ich drücke mich momentan höchstwahrscheinlich auf alle Arten aus, die es gibt. Obwohl es viel Arbeit ist, macht es mir auf der anderen Seite wahnsinnigen Spaß.

Und nebenbei wechselst du noch Windeln?

Yeah! Und ich habe mich total in Babyklamotten verliebt! Es gibt nichts Schöneres, als Strampelanzüge! Und Windeln! Ich liebe die Windeln von The Honest Company (eine US-Firma für umweltfreundliche Produkte, die von Schauspielerin Jessica Alba gegründet wurde, Anm. d. Red.) – sie werden sehr schonend hergestellt und haben absolut phantastische Designs! Ich bin gerade so inspiriert, ich finde sogar Windeln aufregend! Ich würde auch gern meine eigene Baby-Linie entwerfen.

Hattest du jemals einen Plan B, falls es nichts mit der Musikkarriere geworden wäre?

Ich habe immer noch eine ganze Million Alternativpläne in der Schublade! Es gibt so viele Richtungen, in die ich mich noch ausprobieren möchte: Ich könnte Malerin oder Martial-Arts-Trainerin werden. Oder irgendwo in die Wildnis ziehen und als Einsiedlerin den ganzen Tag meditieren.

Letzte Frage: Wann hast du dein letztes Schnäppchen für 99 Cent gemacht und was hast du gekauft?

Ich habe sogar einen ganzen Dollar ausgegeben – und noch nicht mal mein eigenes Geld! Vor ein paar Monaten haben wir in Los Angeles einen Videoclip aufgenommen. Um halb 2 Uhr morgens habe ich nach den Dreharbeiten in einem Supermarkt diesen Greifer-Automaten entdeckt, bei dem man Beavis & Butthead-Puppen gewinnen konnte. Ich wollte sie unbedingt haben, hatte aber kein Kleingeld. Also musste ich mir von meinem Producer einen Dollar leihen…

Interview: Thomas Clausen

Das Album „99 Cents“ erscheint am 26.02.2016 bei Warner Music.
© Warner Music / Christelle de Castro

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