template_web_teaser2

JALIL LESPERT ÜBER YVES SAINT LAURENT

Am 17. April kommt der Modefilm des Jahres in die deutschen Kinos. Regisseur Jalil Lespert erzählt im Interview nicht nur über die Zusammenarbeit mit der Yves Saint Laurent Stiftung, Laspert erläutert die Biografie des Modeschöpfers in all ihren Glanz- und Schattenseiten und gibt uns exklusive Einblicke in die Hintergründe des Films.

“Paris 1957. Der gerade einmal 21-jährige Yves Saint Laurent ist einer der talentiertesten Nachwuchsdesigner Frankreichs und die rechte Hand des Modeschöpfers Christian Dior. Als dieser unerwartet stirbt, wird Yves künstlerischer Leiter einer der renommiertesten Modemarken der Welt. Seine erste Kollektion, von der Welt der Haute Couture mit großer Skepsis erwartet, wird für den jungen, genialen Modeschöpfer zu einem triumphalen Erfolg und macht ihn über Nacht weltberühmt. Während einer Modenschau trifft der schüchterne Yves Saint Laurent auf Pierre Bergé, eine Begegnung, die sein Leben von Grund auf verändern wird. Die beiden werden Lebens- und Geschäftspartner und gründen keine drei Jahre später unter enormem Risiko ihr eigenes, legendäres Modelabel „Yves Saint Laurent“. Doch Yves Kreativität nimmt über die Jahre immer selbstzerstörerische Züge an, die sowohl seine Beziehung zu Pierre, der Liebe seines Lebens, als auch die Zukunft seines Unternehmens gefährden. Trotz seiner inneren Kämpfe gelingt es Yves Saint Laurent, die Welt der Mode für immer zu revolutionieren und er wird zu einem der bedeutendsten, innovativsten und einflussreichsten Modeschöpfer aller Zeiten.”

Yves_Saint_Laurent_Szenenbilder_02.600x600Wie nahm das Projekt „YVES SAINT LAURENT“ seinen Anfang?

Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, die atmet und fast schon epische Züge besitzt. Außerdem wollte ich Figuren zeigen, die für ihre Träume kämpfen. All diese Wünsche verschmolzen irgendwann in der Idee zu „YVES SAINT LAURENT“. Der Gedanke, ein Projekt rund um den großen Modeschöpfer und Pierre Bergé zu entwickeln, gefiel mir ausnehmend gut.

Was begeisterte Sie denn so an Yves Saint Laurents Werdegang?

Zunächst einmal beeindruckt mich Yves einzigartiges Charisma ungemein, aber auch seine Fragilität und wie arglos er war. Neben großer Intelligenz ist ausgeprägte Entschlusskraft eine seiner Stärken. Darüber hinaus berührte es mich sehr, dass ihn eine großartige Liebesgeschichte mit Pierre Bergé verband, die ein Leben lang hielt. Und dann ist da natürlich noch diese einzigartige Kreativität. Yves war ein Modeschöpfer mit gewaltigem Output, der den anderen stets ein paar Schritte voraus war. Er war ein Avantgardist. Er wusste genau, welche Bedeutung Kleidung in unserem Leben hat. Er verstand es, die Garderobe der modernen Frau an ihre Zeit anzupassen, und das zu einer Epoche, als die Frauen noch in einem Korsett gefangen waren. Er war nicht nur Zeitzeuge, er war einer von denen, die ihre Zeit mitgestalteten. Er wagte es, Frauen Männerkleidung tragen zu lassen – zum Beispiel den Smoking –, ohne ihre Weiblichkeit je in Frage zu stellen. Zu seiner Zeit war das nachgerade revolutionär.

Beschreiben Sie doch mal, wie Sie recherchiert haben…

Ich bin überzeugt, dass ich so ziemlich alles, was nur im Entferntesten mit Yves Saint Laurent zu tun hat, gelesen und gesehen habe. Ich musste diese intensiven Nachforschungen anstellen, weil ich mich mit ihm und seiner Geschichte nicht besonders gut auskannte. Und Yves Privatleben wird in den Büchern, die über ihn veröffentlicht wurden, ja eher stiefmütterlich behandelt. Ich musste die von mir gesammelten Informationen immer wieder neu sortieren und wie ein Puzzle zusammenfügen. Das war eine langwierige, mühselige Kleinarbeit. Aber so gelang es mir, die Ereignisse seines
Lebens über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg zu ordnen. Danach beschloss ich, mich wieder davon zu lösen und fiktive Dinge hinzuzufügen bzw. mit der Realität zu spielen, um dem Ganzen mehr Dynamik und dramatische Kraft zu verleihen.

Wie sah die Zusammenarbeit mit Pierre Bergé aus?

Ohne Pierres Einverständnis hätte ich diesen Film niemals gedreht. Nicht, weil er Pierre Bergé ist, sondern weil er Saint  Laurents Lebensgefährte war. Wenn man sich nämlich mit dessen Leben beschäftigt, merkt man schnell, dass Pierre Bergé zu seinem Kosmos einfach dazugehörte. Will man den einen zeigen, muss man auch den anderen zeigen. Pierres Präsenz zu spüren, war mir total wichtig, ich musste Zugang bekommen zu Informationen, die nur er mir geben konnte, und ich wollte seine Gefühle und seine subjektive Sicht der Dinge kennenlernen. Außerdem wollte ich die „YSL-Familie“ kennenlernen, jene Stiftung, in der alle Männer und Frauen versammelt sind, die Yves bei seiner Arbeit als Designer begleitet haben. Obwohl er uns vor sechs Jahren verlassen hat, sind sie ihm immer noch eng verbunden. In den Dokumentarfilmen, die ich sah, fiel mir auf, dass in Saint Laurents Modehaus eine sehr familiäre Atmosphäre herrschte, und deshalb war es mir wichtig, diesen Menschen zu begegnen. Auch wenn die Marke schon damals ihre eigene Industrie war, herrschte ein echter Korpsgeist. Für mich ist das ein vielsagendes Detail, denn es spiegelt die Liebesgeschichte zwischen Yves und Pierre wider, die einerseits sehr intim und gleichzeitig sehr öffentlich war. Die beiden sind untrennbar miteinander verbunden, fast wie bei Mitgliedern eines Theaterensembles. Ich wollte, dass sich das alles im Film niederschlägt.

In erster Linie erzählt der Film ja eine wunderbare Liebesgeschichte…

Mich berührte an dieser Geschichte vor allem, dass es sich bei den Protagonisten um zwei brillante Köpfe handelt, von denen einer sogar ein Genie war, mit allem, was das an Verletzungen und Abgründen mit sich bringt. Außerdem war Yves manisch-depressiv – das wurde ihm von den Ärzten bestätigt. Mich interessierte, wie die beiden Männer es anstellten, eine dauerhafte Beziehung zu führen, ungeachtet dieser Krankheit und des beruflichen Drucks. Es gelang ihnen ja tatsächlich, ihren gemeinsamen Traum nicht vorzeitig enden zu lassen, ihn stattdessen immer weiter auszudehnen. Und je länger er dauerte, je häufiger ihre Liebe auf die Probe gestellt wurde, desto mehr gelang es ihnen, sämtliche Hindernisse zu überwinden. Insofern handelt es sich um eine einzigartig faszinierende Geschichte mit Gefühlen hoch zehn.

Ihr Film handelt auch von einem persönlichen Freiheitsdrang, der sich in Kreativität Bahn bricht. Sehen Sie eigentlich Parallelen zwischen filmischem Schaffen und Haute-Couture-Design?

Unbedingt – allein schon, was die Produktionsbedingungen betrifft: In beiden Fällen ist viel Geld im Spiel und besteht ein wirtschaftliches Risiko, das jemandem, der sich allein als kreativer Schöpfer sieht, natürlich völlig entgeht. Man kann sich vor lauter Kreativität auch total isolieren, aber ich glaube, dass Yves das zu verhindern wusste. Meiner Meinung nach spürte er, dass er sich in seiner Kreativität selbst beschneiden würde, wenn er
ausschließlich Modeschöpfer bleibt. Die Vorstellung, „nur“ das zu tun, machte ihm vermutlich sogar ein bisschen Angst, obwohl ja allein das schon ein fabelhafter Erfolg war. Und dennoch: Der Schaffensakt ist vielleicht erst dann interessant, wenn ihm Zwänge auferlegt werden, denn häufig schöpft man als Künstler erst daraus seine Kreativität. Ich
bin überzeugt, dass Saint Laurent darunter gelitten hat, weil er ein sehr unabhängiger Mensch war. Schließlich trug er schon als junger Mensch große Verantwortung, und die lastete auf ihm. Saint Laurent ist eine unglaublich vielschichtige Figur. Er bricht beinahe unter der Last seiner emotionalen und professionellen Verantwortung zusammen, während
er sich nach außen als Ikone präsentiert. Dabei würde er sich am liebsten aus dem Staub machen, weit weg fahren und abwarten, ob er Lust bekommt, nach Paris zurückzukehren und wieder Kleider zu entwerfen, denn hin und wieder zweifelt er daran.

Ihr Porträt von Yves Saint Laurent ist alles andere als ein Heiligenbild. Im Gegenteil:
Sie zeigen ihn zwar als zerbrechlichen, anrührenden Mann, verschweigen aber auch
nicht, dass er untreu und misstrauisch sein konnte…

In beruflicher Hinsicht sind die Jahre von 1956 bis 1976 wie ein einziger Geistesblitz. Yves ist gerade mal 21, als er Ruhm und Liebe kennenlernt. Er wird an die Spitze von Dior berufen, was für einen so jungen Menschen eine gigantische Verantwortung mit sich bringt. Denn das Modehaus ist im damaligen Frankreich ein bedeutender Wirtschaftszweig. Dort lernt er Pierre Bergé kennen, den Mann, mit dem er 18 Jahre lang zusammenleben wird. In dieser Zeit gründet Yves seine eigene Marke. Letztlich ist er es, der die Haute Couture für alle zugänglich macht, weil er an seine Prêt-à-porter-Kollektionen dieselben Ansprüche stellt wie an seine Haute-Couture-Linie. Parallel zu seinem unglaublichen kreativen Output erlebt er Liebeskummer und romantische Abende zu zweit, nicht zu vergessen all die Phasen voller Zweifel und Krisen. Es ist uns gelungen, die intensivsten, emotionalsten Ereignisse aus diesem Abschnitt von Saint Laurents Leben zu bündeln. Wenn man eine Liebesgeschichte erzählt, stellt sich früher oder später ja die spannende Frage, ob das Paar eine Zukunft hat. Paradoxerweise ergibt sich bei Yves und Pierre die Antwort ausgerechnet
im Jahr 1976, als die beiden ihre größte Krise durchmachen und Yves gleichzeitig die wohl schönste seiner Kollektionen entwirft – seine Hommage an die Ballets Russes.

Lassen Sie uns über das Casting reden.

Es war ein Glücksfall, dass ich Pierre Niney und Guillaume Gallienne traf. Sie ergänzen sich perfekt und haben, ohne sich wirklich ähnlich zu sein, etwas Entscheidendes gemeinsam: ihr Arbeitsethos und wie sie an Texte herangehen. Pierre und Guillaume sind ausgesprochen kultivierte Schauspieler, intelligent und fleißig – Voraussetzungen, die erfüllt
sein mussten, um sich mit so brillanten Figuren auseinandersetzen zu können. Die beiden sind unglaublich talentiert und üben ihre Kunst sehr frei und unabhängig aus, sind dabei aber kein bisschen verkopft: Es handelt sich um beseelte, sehr vitale Schauspieler. Ihnen gelingt die perfekte Balance aus der unverzichtbaren Technik, mit der sie vermitteln, wie
sich die Liebesgeschichte, aber auch die Sprache, über einen Zeitraum von 20 Jahren wandelt, und einem lebendigen, anrührenden Spiel. Mein Film verdankt ihnen sehr, sehr viel.

Wie haben Sie mit Ihnen gearbeitet?

Ich liebe alle meine Schauspieler, und hier umso mehr, weil es sich um eine Liebesgeschichte handelt. Ich versuche immer, so behütend und beschützend wie möglich zu sein. Aber gute Schauspieler sind ja auch intelligente Menschen, und ich denke, dass man ihnen Dinge, wenn notwendig, schon sagen muss. Abgesehen davon stand ich ja selbst vor der Kamera, fühle mich meinen Schauspielern also sehr nahe. Doch egal welchen Bereich es betrifft, ob nun die Schauspieler oder den Stab, ich versuche immer die besten zu engagieren und lasse ich sie arbeiten und justiere wenn nötig von Zeit und Zeit. Aber wenn sie sehr gut sind, begreifen sie sehr schnell – und das oft besser als der Regisseur!

Was nahmen Sie sich für die Inszenierung vor?

Grundsätzliche Entscheidungen gab es nicht. Ich bin in dieser Hinsicht sehr offen, weil ich finde, dass man alle Möglichkeiten nutzen sollte, die einem helfen, den bestmöglichen Film zu realisieren. Mir geht es nicht darum, eine schöne Einstellung um der schönen Einstellung willen zu drehen. Ich möchte aus jeder Situation das Optimale herausholen. Und wenn ich dafür eine Steadycam, einen Kran, Gleise oder sonst etwas brauche, dann tue ich das
gerne – wenn es mich dafür der Sache näher bringt. So oder so stehen die Schauspieler und die jeweilige Situation für mich im Mittelpunkt, deshalb konzentriere ich mich in erster Linie darauf. Für mich muss jede Szene absolut stimmig sein. Es geht mit nicht darum „großes Kino“ um jeden Preis machen – ich möchte, dass der Film seine Geschichte wahrhaftig erzählt und ganz im Dienst des Sujets steht.

Können Sie etwas zur Entstehung der Kostüme sagen?

Das war eine zweifache Arbeit. Zunächst mussten wir die herkömmlichen Filmkostüme festlegen, mit denen wir die Epoche rekonstruieren und zeigen, wie sich die Alltagsmode im Laufe von 20 Jahren wandelt. Anschließend mussten wir recherchieren und uns genau überlegen, welche der bedeutenden Kollektionen von Saint Laurent wir im Film zeigen
wollten. Pierre Bergé und die Stiftung unterstützten uns dabei, und wir hatten das große Glück, Originalkostüme benutzen zu dürfen. Denn es kam für die Stiftung nicht in Frage, Kopien herzustellen, zumal es die meisten Stoffe, die Saint Laurent damals benutzte, heute nicht mehr gibt.

Wie haben Sie die Models ausgewählt, die diese Kleider tragen?

Unser Auswahlkriterium war, dass sie in diese einzigartigen Teile passen mussten. Es handelt sich ja um Kleider, die von der Saint-Laurent-Stiftung aufbewahrt werden, die normalerweise nicht getragen, sondern ausschließlich bei Ausstellungen gezeigt werden. Wir mussten also sehr zierliche Models finden, denn die zeitgenössischen Mannequins
waren bei weitem nicht so groß wie ihre heutigen Kolleginnen, sie trugen höchstens Größe 34, maximal 36. Das bereitete uns ziemliches Kopfzerbrechen. Doch als wir unsere Mannequins gefunden und die Kleider ins rechte Licht gesetzt hatten, war es einfach umwerfend. Es erforderte von allen minutiöse Arbeit, denn die Mädchen durften die Kleider
höchstens zwei Stunden am Stück tragen, dann mussten sie sie wieder ausziehen, um Abrieb und Schweißbildung zu vermeiden. Der Film verdankt der Kostümbildnerin Madeline Fontaine unendlich viel, sie hat großartige Arbeit geleistet.

Die Kulissen des Films sind einzigartig…

Da wir auch in dieser Hinsicht von der Stiftung unterstützt wurden, setzten wir natürlich, wann immer wir konnten, auf größtmögliche Realität und drehten an den Orten, an denen Saint Laurent gelebt und gearbeitet hat: in dem Atelier, wo er seit 1974 designte, in Majorelle, seiner Villa in Marokko, sowie im alten Hotel Intercontinental (heute das Westin), wo Saint Laurent jedes Jahr seine Kollektionen zeigte. Wir haben die Schauplätze und die Menschen, die dort lebten, auf uns wirken lassen, in der Hoffnung, dass es sich auf die Atmosphäre des Films niederschlägt.

© Universum Film

Related News

Copyrıght 2014 TEASER Magazine. All RIGHTS RESERVED.