DETOX

LIFESTYLE KOLUMNE: DIGITAL, EGAL?

Einfach mal offline sein. „Digital Detox“ ist der neueste Trend aus den USA, der dem Smartphone-süchtigen Homo Digitalis helfen soll, sich wieder auf die wesentlichen Dinge im Leben zu konzentrieren. Unter anderem soll das digitale Fasten dazu beitragen, dass man lernt, abzuschalten, um seine Lebensbatterie aufzuladen. Eine Challenge fürs Wochenende…

In den USA gibt es einen mehr oder weniger neuen Trend namens „Digital Detox“. Als ich meiner Oma Gerlinde davon erzähle, steht ihr ein dickes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Dedschetäl, was? Auch meine Freunde, die übrigens bis auf einige Ausnahmen alle unter 30 sind – und sich mit Begriffen wie Digitalisierung und Detox-Trends auskennen müssten – haben keinen blassen Schimmer von dem, was ich ihnen mitteilen möchte. Digital Detox bedeutet im Grunde nichts anderes als Entgiften. Und zwar von digitalen Medien. Wie ein Smoothie, der unseren Körper von all den bösen Giften da draußen entschlacken soll. Das digitale Fasten soll unserer Psyche helfen, sich durch den Verzicht auf elektronische Geräte wie Smartphones, Computer oder Tablets zu regenerieren. So sollen wir besser abschalten können, Stress reduzieren und wieder produktiver arbeiten, lautet die Philosophie.

Ich finde Gefallen an dem neuen Trend und beschließe einen Selbstversuch zu wagen, was jedoch schwierig werden wird. Denn ich gebe zu, dass ich einer dieser hypervernetzten Menschen bin, die sich abends vor dem Einschlafen noch schnell lustige Videos von süßen Baby-Schweinen anguckt. Und auch am Morgen checke ich die neuesten Instagram-Fotos und Facebook-Posts. Scrollen, Scrollen, Scrollen. Bis zum Foto, das ich mir als letztes angeschaut habe. Wissenschaftler kennen dafür den Fachbegriff: „Fear of Missing out“, die Angst etwas zu verpassen. Laut Statistik hängen wir zwölf Stunden am Tag an unseren digitalen Geräten. Kein Wunder, dass mich mein Umkreis für verrückt erklärt, als ich ihnen von meinem Digital-Detox-Experiment erzähle. Doch genau diese Reaktion bestärkt mich, das Projekt durchzuziehen. Zunächst spiele ich mit dem Gedanken in ein Digital-Detox-Camp zu fahren. Ich habe die Wahl zwischen dem wohl bekanntesten „Camp Ground“ in der Nähe von San Francisco bis hin zu nationalen Camps wie das ehemalige Augustinerkloster Haftelhof in Schweighofen. Zahlreiche Workshops und Freizeitaktivitäten wie Schwimmen, Yoga, Wanderungen und weitere Gruppenaktivitäten stehen dort auf dem Plan. Zu den Regeln solcher Camps gehören ganz klar das Verbot von Handys, Computer und Tablets. Viele erweitern diese Auflagen mit dem Verzicht auf Uhren, Alkohol oder Gesprächen über die Arbeit. Der Preis liegt zwischen rund 570 US-Dollar oder 399 Euro für ein Wochenende. Aufgrund meines schmalen Studentenbudgets beschließe ich, auf das Camp zu verzichten und am Wochenende auf eigene Faust loszulegen.

11825698_10207358933553725_5971043805867792793_nEtwas verpeilt versuche ich, am Freitag um 8:00 Uhr Morgens meinen Handywecker auszustellen. Facebook zeigt mir für heute Abend drei Events an. Meine Nachrichten-App sagt mir, dass eine deutsche Studentin wegen eines Oben-Ohne-Protests in Tunesien verhaftet wurde und die ersten Whatsapp-Nachrichten ploppen auf. Schnell beantworten. Musik auf meinem Laptop einschalten. Und schon springe ich unter die Dusche. Plötzlich wird mit unter dem Plätschern bewusst, dass ja Wochenende ist und meine digitale Entwöhnungskur begonnen hat. Ups. Schnell wickele ich mir ein Handtuch um, schalte den Laptop aus und verbanne ihn unter sämtlichen Ordnern in einer Schublade. Den bin ich erstmal los. Weiter geht’s mit dem Handy. Ich sitze tropfnass im Handtuch auf meinem Bett und will das Gerät ausschalten, als mir auffällt, dass ich noch schnell allen Bescheid sagen sollte. Whatsapp-Status: „No mobile phone this weekend.“ Chakka, geschafft.

10:00 Uhr. Ich mach mich auf den Weg, um einen Freund zu treffen, beschließe jedoch mein Handy – ausgeschaltet – für den Notfall mitzunehmen. Die Fahrt kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit. Es ist todeslangweilig und ich beginne, die Leute in der Bahn zu beobachten, habe jedoch schnell das Gefühl, dass sich meine Mitmenschen von meinen Blicken belästigt fühlen. Also gucke ich aus dem Fenster der U-Bahn und sehe nichts als dunkle Wände, die an mir vorbeiziehen.

Um 13.30 Uhr endet der Einkaufsbummel. Mein Kumpel und ich beschließen, dass wir am Samstag auf jeden Fall zusammen zum Naschmarkt in den Haubentaucher wollen. Aber wie sollen wir kommunizieren? Ich habe die grandiose Idee, Uhrzeit und Treffpunkt jetzt schon festzulegen. Leider hat der Freund durchaus berechtigte Einwände. Was ist, wenn es regnet? Oder der dritte Weltkrieg ausbricht?

14.00 Uhr. Ich warte am Ernst-Reuter-Platz auf meine Kommilitonen, da ich gute zehn Minuten zu früh vor Ort bin. So was wäre mir unter normalen Umständen mit Sicherheit nicht passiert. Ich komme sonst eher so auf den letzten Drücker. Schnöde Langweile macht sich mal wieder breit, bis ich einen wirklich hübschen Mann erspähe. Groß, braune Haare, leicht gebräunter Teint – genau mein Typ. Ich versuche mit bohrendem Blick, ihn auf mich aufmerksam zu machen, doch leider ist Prince Charming mit seinem iPhone beschäftigt. Tz. Der könnte auch mal mit dem Gedanken über eine Entziehungskur spielen. Eine Stunde später in der Uni lasse ich mir die Nummern von den Leuten, die ich am Wochenende treffen möchte, auf einen Zettel schreiben. Denn dann kann ich sie im Notfall über eine Telefonzelle erreichen. So „old school“, dass es schon wieder cool ist. Wir beschließen, uns am nächsten Tag um 15 Uhr an der Warschauer Straße zu treffen. Am Abend bin ich glücklicherweise abgelenkt. Zum Beispiel nerve ich meinen Mitbewohner, lese ein bisschen und beschäftige mich mit kreativen Projekten. Mir wird bewusst, wie viel Zeit ich jetzt habe und wie langsam der Abend verstreicht. Ich könnte ja zum Beispiel noch was für die Uni machen. Oh Gott, hab ich das gerade wirklich gedacht? Im selben Atemzug fällt mir ein, dass ich mir als Mensch, der im Medienbereich tätig ist, selber eine Computerfalle gestellt habe. Ich bin sozusagen ein Maler und habe mir selbst den Pinsel entwendet.

Samstag, 6:36 Uhr. Ich muss zugeben, dass ich beschissen geschlafen habe. Schlechte Träume, umhergewälzt, das ganze Trara. Trotzdem, die Sonne scheint durch mein Fenster und ich freue mich auf einen Vormittag am See mit meiner alten Freundin Svenja. Leider wird mir bewusst, dass wir keine Uhrzeit abgemacht haben. Nach zwei Stunden unterbreche ich das Experiment kurzzeitig und rufe sie an. Uhrzeit steht, Treffpunkt ist safe, over und out. Der See liegt irgendwo außerhalb des Rings in Weißensee, sodass ich – wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben – verschiedene Berliner Fahrpläne aufklappe. M13 und M4, easy going. Ich plane eine Stunde Fahrt ein und gehe immer wieder in Gedanken die Stationen durch. Berliner Allee/Indira-Ghandi-Straße aussteigen. Und dann in die Straßenbahn Richtung Falkenberg.

11:00 Uhr. Ich hab’s geschafft und bin heilfroh, dass ich ohne meine Navigations-App von A nach B gekommen bin. Zu einem völlig fremden Ort. Doch wo ist Svenja? Nach 15 Minuten greife ich in die hintere Tasche meines Rucksacks, um sie erneut anzurufen. Es ist immerhin ein Notfall. Und tatsächlich ist sie schon am Badesee. Wäre doch gelacht, wenn ich den Weg nicht auch alleine finden würde. Also laufe ich los, und laufe und laufe und laufe. Kein See in Sicht, ahoi. Ich frage ein Mädchen in meinem Alter, das ein Badetuch unter dem Arm trägt, ob sie den Weg kennt, und so machen wir uns zusammen auf die Suche. Mit Google Maps wäre ich nie auf die Idee gekommen, eine fremde Person anzusprechen. Und tatsächlich habe ich das Gefühl, dass dieses Experiment durchaus was Gutes hat. Am See angekommen gestatte ich mir noch ein weiteres Telefongespräch. Ich bitte meine Freunde darum, dass wir uns erst um 17 Uhr an der Warschauer Straße treffen, da ich das schöne Wetter am See genießen möchte. Leider zerstört der Regen um 15:30 Uhr sämtliche Pläne und so sitze ich den Rest des Nachmittags zu Hause rum. Niemand will was machen, da alle anderen lieber Disney-Filme schauen oder schlafen wollen. Und ja, ich muss wieder telefonieren. Mehr als fünfmal. Es ist immerhin Notfall!

20:06 Uhr. Der Film hat schon angefangen und ich hetze durch den Regen zum Kant-Kino. Als ich dort ankomme, lassen mich meine lieben Freunde spüren, dass dieses Experiment meine Freundschaften ernsthaft gefährdet. Vorwürfe, wieso ich nicht angerufen habe und dass mein Digital-Detox-Experiment nervt. Und das gerade mal am zweiten Tag. Im Film „Die Gärtnerin von Versailles“ komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob Kino überhaupt erlaubt ist. Ist ja immerhin ein Medium. Gegen 22 Uhr geht es noch in ein paar Bars. Und da zu Hause die pure Langweile auf mich wartet, beschließen wir noch, um die Häuser zu ziehen. Von der Bar in den Club, und als es morgens schon hell ist, habe ich mein Smartphone bereits fast vergessen. Naja fast. Denn die Route für den Heimweg kenne ich im angetrunkenen Zustand leider nur mit meiner S-Bahn-App und so beschließe ich für diesen Notfall, eine weitere Ausnahme zu machen. Et voilà, das Handy wird sofort wieder ausgeschaltet.

Sonntag, 12:02 Uhr. Ich habe das Experiment abgebrochen. Das Wetter ist schlecht, ich bin müde und will den Sonntag standesgemäß im Bett mit Serien verbringen. Ich habe ein mulmiges Gefühl, als ich alle Geräte wieder anschalte und erstmal stundenlang damit beschäftigt bin, unwichtige Nachrichten zu beantworten, weltbewegende Neuigkeiten von Facebook zu checken und die neuesten Fotos von Instagram durchzuscrollen. Bis zum letzten Bild schaffe ich es mit Sicherheit nicht. Und das will ich auch gar nicht. Irgendwie habe ich an dem Wochenende gemerkt, dass digitale Medien schön und gut sind, allerdings muss man – wie mit allem im Leben – eben die Grenzen kennen. Ich denke, dass mir die Abstinenz gezeigt hat, dass es ganz schön ist, nicht immer erreichbar zu sein. Es befreit einen. Ja, wirklich. Auch wenn ich weiß, dass ich in Zukunft wieder stundenlang mit den Geräten verbringen werde, habe ich gemerkt, dass ich es nicht brauche, wenn ich von lieben Menschen umgeben bin. Offline zu sein, tut manchmal wirklich gut.

Text: Julia Otto

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