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MODEKOLUMNE: ALTBEWÄHRT

Plötzlich sehen alle grau. Die Modeindustrie setzt zunehmend auf altehrwürdige Werte und überrascht mit Grannychic, Grannyhair und Granny Models – so weit das Auge reicht. Da uns der graue Star noch nicht erblindet hat, gucken wir uns das Phänomen genauer an und fassen mal eben zusammen, was dieser gräuliche Trend wohl zu bedeuten hat…

Retro, Vintage oder Second Hand sind die Begriffe mit denen alles angefangen hat. Plötzlich ist es nicht mehr so cool wie früher, den neusten Schuh oder die aktuellste Tasche als erstes zu haben. Natürlich ist es immer noch völlig legitim sich modisch im aktuellen Zeitgeschehen zu befinden, trotzdem wird das Fashion-Bewusstsein immer stärker auf Oldtimer gepolt. “Ach, diese alte Lederjacke habe ich bei meiner Mutter im Schrank gefunden.” kann ein Satz sein der neidische Blicke hervorruft. Viel mehr als “Brandneu, limited Edition, vielleicht schaffst du es auch noch dieses Kleid zu kaufen, wenn du dich beeilst…”

Vintage Teile haben eine magische Anziehung, auf Grund ihrer Einzigartigkeit. Wer einmal ein Lieblingsteil in einem Second Hand Shop erstanden hat kennt dieses triumphierende Kauf-Gefühl. Niemand auf der Welt wird mit dem gleichen Kleidungsstück um die Ecke kommen. STRIKE! Genau das ist doch das Ziel unserer individualistisch geprägten Konsum Welt. Für die Industrie ist es allerdings weniger absatzfördernd, wenn sich die Kunden nur noch nachhaltigen Konzepten widmen. Damit dieses “Ur-Bedürfnis” trotzdem gestillt werden kann, liefert sie uns nun Alternativen, die dem nahe kommen.

Der Grannychic ist eine davon. Sich absichtlich anzuziehen wie die Großmutter, inklusive Bundfaltenhosen, figurfernen Hekelpullis und ockerfarbenen Mary-Janes, kann im ersten Moment doch nur auf einer Bad-Taste Party funktionieren. Wenn man jedoch genauer darüber nachdenkt, dann ist diese stilistisch verbotene Kombination auch nur ein Versuch, sich von der Masse abzuheben. Das Granny-Statement zieht mitlerweile aber nicht nur durch, sondern auch auf die Köpfe der Fashionistas. Instagram Hashtag #GrannyHair erlebt zur Zeit einen Boom, den Stars wie Lady Gaga, Rihanna und Kelly Osbourne zu verantworten haben. Man färbt sich nicht pink oder blau, der Schnitt ist egal, aber grau müssen sie sein, die Haare derer, die sich im Internet verlinken, um auch ein kleines bisschen Ruhm zu erlangen. Ob die Stars ihren echten Haaren überhaupt das fiese Bleaching zumuten, sei mal dahin gestellt. Und nicht genug damit, dass sich junge Frauen alt zurecht machen, denn es gibt auch Senioren die sich jung zurecht machen, wie die gute ALTE Baddie Winkle

Große Labels wie Celiné, Dolce & Gabbana MAC Cosmetics oder Saint Laurent zeigen auf Kampagnenbildern neuerdings, statt den wie üblich makellos weichgezeichneten Models, gerne auch Granny Models. Liegt vielleicht daran, dass die Kaufkraft der kostenspieligen Labels in einer Grauzone liegt. Heißt: Die meisten knackigen Jungspunge in Size Zero sind leider, irgendwo zwischen Studium und Fitnessprogramm, finanziell garnicht im Stande sich bei diesen Marken einzukleiden, es sei denn, Großmutter gibt einen aus. Oder Großmutter fühlt sich durch diese neuen Kampagnen-Inszenierungen zum ersten Mal angesprochen und nicht wie sonst abgeschoben oder zu alt und geht alleine shoppen. Frei nach dem Motto: “Hallo liebe Damen, wir haben euch samt eurer saftigen Rentenversicherung nicht vergessen!” kommt die Modebranche jetzt auf die Idee Lebenserfahrung und Reife abzubilden, statt der üblichen Jugendlichkeit. Es ist aber gleichzeit auch unheimlich sympathisch, denn die Marken wirken nahbarer und echter, wenn das pure Leben in die Kamera strahlt. Jede Falte erzählt doch die spannende Geschichte eines langen Lebens, warum sollte man das wegretuschieren?

Festzuhalten bleibt: Medizinische Studien belegen, dass die Menschen immer älter werden. Diese Tatsache hat mitlerweile auch die Modeindustrie verstanden und lässt uns der Wahrheit ins Auge blicken. Frauen jeden Alters haben ein Recht auf großartige Mode und eine typgerechte Selbstinszenierung. Wenn man stolz auf sein Leben zurückblicken kann, dann braucht man sich nicht krampfhaft durch unzählige Botoxbehandlungen seine Mimik verkleben. Aber muss man sich als junger Mensch dann auch den alten anpassen, um modisch zu sein? Nein, Mädels, ihr habt da was falsch verstanden…

Text: Saskia Weigel

© Mac, Nars, Céline, Saint Laurent
Oben: Dolce & Gabbana

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