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SUSANNE BLECH

“Alle lieben Kraftwerk und alle lieben die Polizei, weil die einen wie die anderen in der Vergangenheit erwiesenermaßen viel geleistet haben. Zu viel Lob und Jubel aber schaden dem Denken und dem Fortschritt nachhaltig, weshalb es an der Zeit ist, unvermittelt in den Diskurs zu grätschen. Denn einer muss es ja machen – und Susanne Blech ist eine Band des kategorischen Fortschritts. Goethe? Spießerprosa. Monet? Frauenkunst. Kraftwerk? Dozentenmusik”, so  Susanne Blechs offizieller State Of Mind.

Und trotzdem haben sich die Jungs mit dem komischen Bandnamen den Kraftwerk-Grammy fürs Lebenswerk jetzt zum Anlass genommen, ihren brandneuen Song “1.000 Jahre Kraftwerk”, vom neuen und dritten Studio-Album, mit ebenso brandneuem Video herauszubringen. Vom Namen des Songs, einer Hommage an Kraftwerk, mal ganz abgesehen.

Susanne Wer-Noch-Mal? Susanne Blech. Fünf Jungs aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet, unter Anderem der Produzent Sebastian Johannes Maier, Texter und Sänger Timon Karl Kaleyta und der Entecker Matthias Arfmann, der in den späten 90ern schon den “Shit” bei den Absoluten Beginnern “tight” machte. Is ja Hammer-, Hammerhart.

Hammerhart sind auch die langen Antworten auf unsere fünf kurzen Fragen, die wir dem Sänger der Band, Timon, gestellt haben.

TEASER Magazine: Liebe Susanne Blech, was ist denn das für ein interessanter Name für fünf Jungs und habt ihr euch den gegeben, um die Einstiegsfrage in Interview-Situationen zu erleichtern?

Susanne Blech: Wir sind eine sehr unromantische und daher sehr pragmatische Band. Und der Name, nun gut, das war reiner Zufall, weil ich als Gründer der Band niemals dachte, dass dieses Projekt einmal Ernsthaft werden würde – der Name ist natürlich schrecklich, aber da müssen wir jetzt eben durch. Es ist ja wie mit allen Namen, irgendwann verselbstständigen die sich – für mich klingt das Weibliche daran gar nicht mehr mit. Trotzdem hätte ich gerne einen ganz tollen Namen, z.B. “Robotron” oder “Netzwerk”, das wäre dann das moderne Pendant zu Kraftwerk.

TEASER Magazine: Euer Motto ist “Liebt uns, solange wir noch ein Geheimtipp sind”. Habt ihr denn vor, es in absehbarer Zeit auf die Bravo-Hits zu schaffen? Oder gar einen Grammy für euer Lebenswerk zu bekommen?

Susanne Blech: Einen Grammy fürs Lebenswerk fände ich toll und auch mit der Bravo Hits hätte ich kein Problem, allerdings nur unter der unbedingten Bedingung, dass wir nicht auch bei der Bravo Super Show auftreten müssten. Das geht natürlich nicht.

TEASER Magazine: Wie praktisch, dass zur Veröffentlichung eures neuen Songs und des dazugehörigen Videos, die Band Kraftwerk in L.A. gerade einen der wichtigsten Grammy’s bekommen hat. Den für’s Lebenswerk. Was genau hat euch zu dem Song “1.000 Jahre Kraftwerk” inspiriert und seid ihr trotz eures Anti-Textes “Kraftwerk – mach aus oder leiser” insgeheim vielleicht sogar Fans?

Susanne Blech: Genau genommen  sind wir das Gegenteil von Kraftwerk-Hassern, ist ja klar. Wir kennen die Geschichte, den Diskurs, die Relevanz etc. und Tracks wie ‘Das Model’ oder ‘Der Telefon Anruf’ sind irrwitzig genial in jeder Beziehung. Erstgenannter war sogar als Zitat jahrelang in unserer Live-Show zu hören. Die Bedeutung Kraftwerks und die dazugehörigen Erzählungen treffen alle zu und mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Der genaue Grund für den in dieser Form aber auch so gemeinten Anti-Kraftwerk-Song von uns ist aber derart widersprüchlich, kompliziert und in jeder Hinsicht ambivalent, dass es den Rahmen dieses schönen kleinen Interviews sprengen und wirklich jeden langweilen würde. Da ich mit der kurzen Antwort, (wie häufig) als Idiot dastehe, gebe ich die lange Antwort*, für die richtig Verrückten, gerne am Ende des Interviews noch mal!

TEASER Magazine: Von wem lasst ihr euch musikalisch beeinflussen, was habt ihr vorher gemacht und wie kommt ihr zu dem Style, den ihr jetzt fahrt?

Susane Blech: Wie ich am Rande ja schon erwähnte, entstand diese Band eigentlich als Witz. Mein bester Freund (und unser Produzent) Sebastian Maier war im Gegensatz zu mir immer schon Musiker und ich wollte einfach auch mal einen Song mit ihm machen. Es entstand dann schon 2003 ein aberwitziger Track fern jedes Genres, irgendwie war es etwas zwischen Neuer Deutscher Welle, Postpunk und Scooter – und weil es so scheußlich war, nannte ich das Projekt einfach “Susanne Blech”. Vom Songwriting her bin ich immer großer Fan der Goldenen Zitronen oder von Peter Licht gewesen, um nur mal zwei zu nennen, und musikalisch wollten wir zudem von Anfang an immer, dass es abgeht und die Leute ausrasten. Das finde ich wirklich wichtig, sonst hätte ich keine Lust, auf der Bühne zu stehen. Ich mochte auch Blumfeld immer, aber irgendwann wurden mit die Texte dann doch zu esoterisch, ich zitiere: ‘Da vorne stehen Kinder mit ‘nem Ball / und Vögel singen überall.’ Das kann man natürlich nicht bringen!

TEASER Magazine: Euer Album heißt “Welt verhindern”. Wie genau wollt ihr das anstellen?

Susanne Blech: Genau genommen wollen wir mit dieser Platte einen neuen Denkansatz in die Sprache bringen. Ich meine das ernst, mich ödet dieses Sprechen von einer sogenannten ‘Weltrettung’ an – wir wollen, dass die Menschen das Problem anders angehen: Verhindern muss man alles, auch das Gute. Wir wollen die Leute mit der neuen Platte dazu auffordern, die Welt mit uns gemeinsam zu verhindern und das auch so zu denken. Alles verhindern. Wir glauben, das ist der einzige Weg  – und Tim Bendzko irrt.

*Lange Antwort für die ganz Verrückten:

Susanne Blech: Wir kennen die Geschichte, den Diskurs, die Relevanz etc. und Tracks wie ‘Das Model’ oder ‘Der Telefon Anruf’ sind irrwitzige Hits in jeder Beziehung, um nur 2 aus 400.000 zu nennen. Erstgenannter war sogar als Zitat jahrelang in unserer Live-Show zu hören. Aber es kamen in der Phase des Songwritings zufällig zwei Dinge zusammen, nach denen ich aus einem Impuls heraus dachte, jetzt muss ich mal was dagegen sagen, einfach bloß, damit es mal jemand macht. Ich sah Kraftwerk Anfang 2013 wie jeder gute Düsseldorfer bei einem ihrer  musealen 3D-Konzerte in der Kunstsammlung NRW, und ich kann absolut verstehen, dass interessierte Menschen dies mit dem Standpunkt einer Überwältigungsästhetik grandios fanden. Zeitgleich aber besuchte ich ein parallel dazu stattfindendes Symposium, das mir damals als der höchste Ausdruck einer akademischen Missinterpretation des popkulturellen Diskurses vorkam und es auch war. Es wurde lang und breit auf abwegigste Weise über den Mythos Kraftwerk diskutiert, bis schließlich ein Mann, dessen Name mir entfallen ist, aufstand und sinngemäß sagte: ‘Guten tag, mein Name ist (muss ich nochmal nachschauen), ich habe bei Kraftwerk gespielt und die ersten beiden Alben mit aufgenommen, das, was hier heute erzählt wurde, ist großer Unsinn.’ Das Symposium war dann schnell vorbei und was bei mir blieb war eine größtmögliche Abneigung vor allem gegen die zunehmend akademisch verklärte Zuhörerschaft. Und dann las ich – ebenfalls zufällig – noch diese schöne Textstelle in dem Text “Rave” von Rainald Goetz, in dem er so rigoros gegen Kraftwerk ins Feld zieht, und da war es schon geschehen, ich musste diesen Song schreiben. Heute bin ich natürlich schon wieder nur Fan.

Interview: Deborah Landshut

© Susanne Blech

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