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#TBT INTERVIEW: STROMAE – MAESTRO DER MELANCHOLIE

Mitten auf dem Hamburger Kiez ist die Große Freiheit 36 ausverkauft. Stromae verlässt die Bühne, doch das deutsche Publikum singt seinen französischen Song „Formidable“ noch zwei Minuten im Chor weiter. Ohne ihn. Stromae, eigentlich Paul Van Haver, hat das Talent, Ambivalenz, Aussage, und Ironie in einem Genre-Mix aus Rap, Elektro, Pop, Rumba und französischem Chanson unterzubringen und dadurch Menschen auf der ganzen Welt zu berühren. Auch wenn sie seine Worte nicht verstehen. Der bescheidene Belgier ist also doch ein Maestro. Auch wenn er sich für das komplette Gegenteil hält.

Dein erster Song „Alors On Danse“ (2009) handelt von der Europa-Krise und ihrer gesellschaftlichen Verdrängung – „Darum tanzen wir“. Es ist kein „Happy-Song“, und doch feiern und lachen die Leute weltweit dazu. Fühlst du dich unverstanden?

Ich bin mir sicher, die Leute verstehen mich, auch wenn sie kein Französisch können. Wir können kommunizieren, auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprechen. Es geht nicht um Sprache, es geht um Melancholie, um Menschlichkeit – das ist das Leben. Wenn du Melancholie nicht verstehst, bist du nicht menschlich. Ich mache Musik, um Emotionen zu transportieren: du kannst dazu tanzen, du kannst dir die Bedeutung herausziehen – oder einfach das Gefühl.

Dein erstes Album hat einen englischen Namen, mehrere Songs haben englische Titel und einen „frenglischen“ Sprachmix. Auf dem neuen Album ist alles auf Französisch. Wie kommt’s?

Ehrlich: mein englischer Wortschatz gibt nicht viel mehr her, als das, was auf dem ersten Album ist. Mein Englisch ist scheiße, es ist nicht meine Muttersprache. Wenn du wirklich ehrlich sein willst, musst du deine Musik auf deiner eigenen Sprache machen.

„Cheese“ ist der Titel deines ersten Albums. Wie das aufgesetzte Lächeln für eine Kamera. Erwartet man von dir, dass du immer lächelst?

Nein, ich bin diplomatisch. Es ist für mich kein Problem zu lächeln, auch wenn mir nicht danach ist. Es geht mir mehr um die Sache an sich, die Pose. Niemand weiß, ob du tatsächlich glücklich bist. Das ist das Komischste im Menschen, in uns: wir heben unsere Köpfe, auch wenn wir das beschissenste Leben haben – und jeder hat seine Probleme. Aber wir lassen es uns nicht anmerken. Niemand weiß, was in uns vorgeht.

Was genau bedeutet der Titel deines aktuellen Albums, „Racine Carrée“, Quadratwurzel?

Es war so offensichtlich. Manchmal hat man einfach ein Gefühl, auf das man hört. Im neuen Album arbeite ich mit mehreren musikalischen Einflüssen aus allen Genres, mit denen ich groß geworden bin und bin dabei mit meinen Wurzeln so ehrlich, wie ich sein konnte. Es ist witzig, dass ein mathematisches Symbol das alles auf einen Nenner bringt.

stromae_neu1Dein musikalischer Stil ist einzigartig, weil er viele Genres mixt und doch alles zusammenpasst. Von Euro-Dance über Elektro, Pop, Rap, sogar Chanson. Früher hast du eher Hip Hop gemacht.

Ich hab mich dazu entschlossen diesen Weg einzuschlagen. In meiner Jugend dachte ich, Hip Hop ist das einzig Wahre. Als ich erwachsener geworden bin, ging ich mehr in Richtung Elektro und ich habe gemerkt, dass mich auch früher schon Dinge beeinflusst haben, die ich erst nicht sehen wollte. Ich bin in Brüssel geboren und aufgewachsen. Ich kann nicht sagen, ich sei halb afrikanisch. Die einzigen afrikanischen Einflüsse die ich habe, sind musikalisch. Rumba, afrikanische Trommeln. Alles, was auf Familienparties lief. Sogar Salsa. Ich mag nicht alles, aber ich will in meiner Musik alles vereinen, was ich liebe.

Ist es dir wichtig, dabei viele unterschiedliche Kulturen zu berühren?

Ich denke, sie haben mich zuerst berührt. Mein Job ist es nicht, Kulturen zu berühren oder so. Es klingt egoistisch, aber mein Job ist es, in erster Linie etwas zu machen, hinter dem ich stehe. Während der Komposition des ersten Albums habe ich mir öfters die Frage gestellt, für wen ich eigentlich komponiere. Man denkt immer, man mache es für die Fans. Aber das ist das Schlimmste, was man tun kann. Du musst die Musik für dich machen. Nicht für die Leute, nicht für deine Familie, nicht für deinen Manager. Wenn ich damit glücklich bin, mit oder ohne Erfolg, bin ich damit glücklich. Wenn du es andersherum machst – und dann keinen Erfolg hast – wirst du Selbstmord begehen…

Selbstmord wolltest du aber nicht begehen, als Kanye West einen Remake deines Erfolgs-Hits „Alors On Danse“ gemacht hat, oder?

Ich war sehr geehrt. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von allem bin, was er je produziert hat, aber man kann einen Künstler trotzdem sehr respektieren.

Von Kanye West hast du dich im Gegenzug ja auch inspirieren lassen. Zumindest was deine Fliege angeht…

Ich hab die Fliege mal bei Kanye West und Will.I.Am gesehen, und fand es cool. Seitdem trage ich sie bei Auftritten. Es passt zu meinem Style. Meine Outfits sind nicht wahnsinnig originell. Die Farbkombinationen sind für einen Mann vielleicht etwas exotisch, aber die Schnitte sind sehr klassisch, fast schon altbacken.

Du trägst auffällige Prints, Eyecatcher und besondere Farben. Willst du auffallen?

Ich bin damit immer relativ in der Mitte – das hat vielleicht auch mit der belgischen Kultur zu tun. Belgien hat eine Kompromiss-Kultur. Aber überall gibt es gute und schlechte Dinge und das ist auch interessant in der Kleidung. Meine Kleidung sollte mich repräsentieren: herrenhaftere Schnitte wie Cardigans und Blusen, zugeknöpfte Polohemden, aber verrücktere Farben und Muster. Ich will mein altes Ich mit meinem jungen Ich auch in der Kleidung vereinen.

Zu Beginn deiner Show, trägst du das Selbe wie deine Band. Steht ein Konzept dahinter?

Ja, am Anfang eines Konzerts sehen wir alle gleich aus und tragen unsere selbstdesignten Cardigans, bei denen das Muster des aktuellen Albumcovers drauf ist. Aber nach dem vierten oder fünften Song wechsele ich meine Kleidung. Sogar öfters. Das ist wichtig für mich, auch um mich in die verschiedenen Rollen zu versetzen…

Du stellst dein schauspielerisches Talent oft unter Beweis. In deinem Song „Tous Les Mêmes“ bist du ab deinem Scheitel äußerlich halb Frau. Vermischen sich bei dir die Grenzen von Schauspielerei und Musik?

Ja, das ist mir sehr wichtig. Das hat mir die ältere Generation der Musiker mitgegeben. Édith Piaf oder Jacques Brel, die wussten, dass es nicht nur unsere Aufgabe ist, uns selbst zu besingen und unser großes Ego in den Vordergrund zu stellen. Es geht darum Geschichten zu erzählen und diese zu untermalen, in einer originelleren Weise. Das würde unserer Generation mal gut tun. Wir sind so auf Erfolg fokussiert, dass wir die Leidenschaft vergessen. Ich möchte mein Privatleben Zuhause lassen und Geschichten erzählen, die ich sehe, die ich lebe und die mir erzählt werden.

Du besprichst also nicht dein Leben in deinen Songs, sondern nimmst dir als Gesellschaftsbeobachter Themen, Charaktere und bestimmte Lebenssituationen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Glaubst du, dass du die Leute gerade deshalb ansprichst, obwohl du deine innersten Gefühle eben nicht preisgibst?

Ich will mich selbst nicht in den Fokus stellen und nur über mich zu singen, weil ich mich so super finde. Mein Leben ist nicht besser oder schlechter als das von jemand anderem. Überhaupt nicht. Ich mache Bilder von Dingen, zu denen jeder eine Bindung hat, wie zum Beispiel bei „Papaoutai“ oder „Formidable“. Wie ein Dokumentarfilmer. In diesem Album, mehr als in dem letzten, geht es um verschiedene Charaktere. Wir hatten enorme Unterstützung von den Fans, also glaube ich schon, dass ich sie persönlich anspreche und sie nachvollziehen können, worum es geht. Die Französischsprechenden Leute vielleicht mehr als andere. Ich kanalisiere alle möglichen Gefühle und Situationen, vielleicht auf eine originellere Art, oder auch nicht, aber aus meiner Sichtweise.

Glaubst du, dein Leben ist nicht interessant genug, um es in den Vordergrund zu stellen?

Ja, wahrscheinlich. Ich bin sehr hart mit mir. Ich hatte mal einen Fotografie-Kurs, wo mir mein Lehrer sagte, wir dürfen alles fotografieren, nur nicht unsere Freunde und Familie. Weil wir immer denken werden, dass diese Fotos besonders schön sind – dabei sind sie vielleicht echt hässlich. Ich habe mir das hinter die Ohren geschrieben. Ja, vielleicht ist mein Leben gar nicht so besonders.

DatiBento_Stromae_RacineCarree_RGB_1_lowAlso wie viel Paul Van Haver ist dann in Stromae?

Kaum ein Paul Van Haver. Vielleicht sind 20 Prozent Paul Van Haver in Stromae, und 20 Prozent Stromae in Paul Van Haver. Irgendwie so etwas.

Apropos – wieso hast du den Namen „Stromae“ gewählt, „Maestro“ mit vertauschten Silben?

Ich bin demütig. „Maestro“ ist glaube ich das Größte, was man sich nennen kann – „Maestro der Musik“. Eigentlich alles, was ich nicht bin. Ich mache meine Musik mit zwei Fingern am Computer, ich bin wahrscheinlich der schlechteste Maestro den man sich vorstellen kann. Daher habe ich aus Ironie die Silben vertauscht. Es ist also eine komplizierte Kombination zwischen Anmaßung und Menschlichkeit.

Deine Musikvideos sind speziell. Sie transportieren die Aussage der Songs auf eine tiefere, künstlerische Weise. Wer kommt auf die Ideen?

Es ist immer unterschiedlich. Bei „Papaoutai“ war es zum Beispiel die Idee der Fashion Designerin. Wir wollten das Vaterthema darstellen, ohne das Klischee-Ding mit einem schlechten oder keinem Vater. Also haben wir uns für die Wachsfigur entschieden. Der Vater ist da, aber auch nicht da. Bei „Formidable“ war mir von vorne herein klar, dass ich den fake-betrunkenen, laut grölenden Mann morgens mit versteckten Kameras in Brüssel drehen und selbst spielen wollte.

Du schreibst deine Songs selbst, komponierst, machst teils dein eigenes Marketing, und gibst Ideen für deine Musikvideos. Bist du ein Kontroll-Freak, vertraust du niemand anderem?

Ja, aber es wird besser und besser. Ich habe verstanden, dass meine Arbeit nicht egoistisch sein sollte, es ist wichtig, dass es dabei auch um Teamwork geht. Auf meinem ersten Album habe ich alles ganz alleine gemacht, ich wollte nicht, dass irgendwer fremdes meine Songs anfasst. Bei dem aktuellen Album hatte ich tolle Leute, die mit mir gearbeitet haben. Ich habe viel gelernt, auch was die Zusammenarbeit angeht. Das war eigentlich das Lehrreichste.

Mir ist aufgefallen, dass du nicht viele Liebeslieder schreibst. Oder nicht viele, die sich überhaupt um Frauen drehen. Und wenn, sind sie eher melancholischer und ironischer Natur. Selbst bei harten Rappern oder Rocksängern findet man mehr von dieser Thematik.

Ich rede auch mal über Liebe, aber auf eine andere Art und Weise. Ich hasse dieses Klischee-Ding. Vielleicht gibt es auch schon zu viele Lovesongs über Liebe, wie wir sie fühlen, wie wir sie sehen. Ich wähle aber eine andere Sichtweise. Ich mag das süße Gesäusel nicht, was viele R’n’B-Künstler ja machen, diese süßen Melodien berühren mich auch nicht. Um ehrlich zu sein – und ich entschuldige mich, wen auch immer ich jetzt beleidigen sollte – es widert mich an. Ich bekomme davon ein ekelhaftes Gefühl. Für mich ist Liebe melancholisch, das Leben ist hart, schwierig, die Liebe ist schwierig. Liebe ist nicht süß – alles andere! Also, bitte lügt mich nicht an…

Was also, ist für dich Glück?

Glück ist ebenso Trauer. Ohne Traurigkeit hast du keine Freude. Das Schlimmste ist nicht pures Glück oder tiefe Traurigkeit, das Schlimmste ist etwas dazwischen, ein verdrießliches, gerades Leben. Traurigkeit alleine ist der Tod, aber Glücklichkeit auch. Ich brauche diese „Ups- and Downs“, ohne das Eine kannst du das Andere nicht würdigen. Höhen und Tiefen sind das Leben und das ist genau das, was es so wunderschön macht.

Interview: Deborah Landshut

© Dati Bento

Dieses Interview ist im TEASER Magazine #18 erschienen.


Über Stromae:

  • Stromae, eigentlich Paul Van Haver, wurde 1985 in Brüssel geboren und machte vor seinem Durchbruch ein Volontariat beim belgischen Musiksender NRJ, die erstmals seinen Song spielten. Später gab man „Alors On Danse“ an den Stuttgarter Partner-Sender, der nach einmaligem Spielen des französischen Songs mit Fanmails überflutet wurde. Man wollte mehr von Stromae hören.
  • Mit „Alors On Danse“ stürmte Stromae im September 2009 die Charts und blieb allein in Deutschland 59 Wochen auf Platz 1, verkaufte 3 Millionen Singles. US-Rapper Kanye West nutzte den Song ebenfalls für einen Remake.
  • Ein Jahr später, im Juni 2010 erschien das erste Album von Stromae, „Cheese“, was sich insgesamt 200.000 mal verkaufte.
  • Im August 2013 veröffentlichte Stromae sein zweites Album „Racine Carrée“, was sich in Deutschland auf Platz 21 der Album-Charts befindet, sich in Belgien, Frankreich und der Schweiz allerdings an der Spitze hält. Die Singleauskopplungen „Papaoutai“ und „Formidable“ halten sich in den deutschen Charts in den Top 10 und Top 40. Seine Tour ist ausverkauft.

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